Barlach, Sansibar, Wicki – oder: Ist das schon ein Pulsar ?

Wenn wir mit unserem Raumschiff durch die Heimatgalaxis oder durch fremde Galaxien cruisen, fallen im kurzwelligen Bereich, also unterhalb des sichtbaren Lichts, blinkende Sterne auf, Pulsare, die – umgesetzt ins Frequenzspektrum, das wir sehen können – nicht nur beim Blick aus dem Fenster schön sind, sondern uns anhand ihrer Blinkwiederholungsfrequenz auch als wertvolle Anhaltspunkte dienen können, wo wir gerade sind, denn sie haben alle eine spezifische Blinkfrequenz, ihre Kennung. Sie sind das, was früher in der terrestrischen Seefahrt die Leuchttürme waren.

Cycle_of_pulsed_gamma_rays_from_the_Vela_pulsarBlick aus dem Fenster
(c) public domain, NASA

 Seit vielen Jahren gehört zu meinem Repertoire für den Religionsunterricht eine Unterrichtseinheit, die sich mit dem Roman „Sansibar oder der letzte Grund“ (erster Zugang) von Alfred Andersch (zur Biographie), der Verfilmung des Romans von Bernhard Wicki und mit dem Werk Ernst Barlachs (zum Einstieg) beschäftigt. Meine Unterrichtseinheit habe ich auch in diesem Blog schon vorgestellt (Link).

 Der Roman „Sansibar oder der letzte Grund“ von Andersch stand früher im Rahmenlehrplan des Landes Berlin, heute, in Zeiten kompetenzorientierter Rahmenlehrpläne, ist es den Lehrern überlassen, an welchen Texten sie die Inhalte des Deutschunterrichts festmachen wollen. In Mecklenburg-Vorpommern immerhin wird der Roman im Rahmenplan Geschichte für die Sekundarstufe 1 (S. 22) noch erwähnt, verbunden mit dem Hinweis, dass hier eine Möglichkeit zum Fächer verbindenden Unterricht mit dem Fach Deutsch liege.

Der Zusammenhang „Sansibar – Barlach – Wicki“ ist schnell erzählt: Im Roman von Alfred Andersch ist die „6. Figur“ neben Judit, Gregor, Pfarrer Helander, dem Fischer Knudsen und dem Schiffsjungen die Plastik „Lesender Klosterschüler“ von Ernst Barlach. Barlachs Figur soll von den Autoritäten des Nazi-Regimes aus Helanders Kirche geholt und „magaziniert“ werden. Diese Geschichte hat einen historischen Anhalt im „Schwebenden, dem Denkmal für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs im Dom zu Güstrow, der im Jahr 1937 als „entartete Kunst“ aus der Kirche entfernt und später eingeschmolzen worden ist. Im Roman bittet Pfarrer Helander den Fischer Knudsen, die Figur nach Schweden zu bringen, was ihn im Fall seiner Entdeckung ins KZ brächte. Nach Schweden wollen auch Judit, Tochter einer jüdischen Ärztin, die sich das Leben genommen hat, um ihrer Tochter die Flucht zu ermöglichen, Gregor, Mitglied der kommunistischen Partei, und der Schiffsjunge, der von der Freiheit träumt. Es ist mir im Religionsunterricht bisher nie gelungen, die Schüler zu überreden, den Roman von Andersch zu lesen, obwohl er nicht sehr lang ist. Stattdessen zeige ich die Verfilmung von Bernhard Wicki. Das ist etwas seltsam, denn der Roman ist in einer knappen, manchmal geradezu wortkargen Sprache geschrieben, die wohl für die norddeutsche Ostseeküste bezeichnend ist, aber die Verfilmung von Wicki erzählt die Geschichte ganz breit und langsam. Deswegen ist der Film sehr lang.

Insgesamt ist die Unterrichtsreihe ein Versuch, im Religionsunterricht Elemente der eben teilweise auch religiösen Kunst Barlachs mit Inhalten der Fächer Deutsch und Geschichte zu verbinden.

Seit dem Schuljahr 2014/15 unterrichte ich an der Evangelischen Schule Berlin Zentrum. Dort findet derzeit ein Vorbereitungsprozess für eine Neukonzeption der Oberstufe (NOS) statt. Die Mittelstufe ist dort bereits stark gegenüber den Konzepten der Berliner Schule verändert (Siehe dazu: Link). Die Oberstufe soll nun auch reformpädagogisch konzipiert werden (Link).

Ich beginne hier mit der Adaption meiner alten Unterrichtsreihe an die NOS, freilich bisher unter den Bedingungen der „klassischen“ gymnasialen Oberstufe an der ESBZ, wie sie noch läuft, bis das Konzept der NOS vom Senat als schulische Sonderform genehmigt ist. Das bedeutet, dass dies nur erst ein Versuch in die künftige Richtung sein kann. Aber dies will ein Beitrag zur Vorbereitung der NOS sein (oder werden), nachdem die Gesamtkonferenz der Schule beschlossen hat, einzelne Module der NOS vorab zu erproben.

Eines der herausragenden Kennzeichen der NOS ist, dass der klassische Wochenstundenplan aufgegeben wird und für die Unterrichtsorganisation an die Stelle sogenannte Pulsare treten.

Was ist ein Pulsar?

Wenn man Wikipedia fragt, ist es ein Stern, der regelmäßig Radiowellen aussendet.  Genauer macht es Harald Lesch auf BR α – wenn Ihr mal guten Frontalunterricht sehen wollt: (Link).
In der NOS ist ein Pulsar zunächst eine methodisch-didaktische Einheit im Unterricht, eine Lernlandschaft. Vgl.: (Link) und (Link). Pulsare sind interdisziplinär, also fachübergreifend und fächerverbindend. Gleichwohl sind sie rahmenplanbezogen, denn sie sind ja Teil eines Bildungsweges, der – neben anderen möglichen Abschlüssen – das Abitur zum Ziel hat. Aus Sicht der Schülerinnen und Schüler bieten Pulsare „vielfältige Lernnachweise“, selbstbestimmte Lernwege und sie finden ausdrücklich an unterschiedlichen Lernorten statt. Aus Sicht des Lehrers sind sie eine „vorbereitete Lernumgebung“ und sie werden inhaltlich von Experten angeboten. Das bedeutet, dass sich die Rolle des Lehrers ändert: er ist mehr Manager und Coach als Stoffvermittler – wenngleich er wohl auch selbst unterrichten kann, wenn er denn auf dem Gebiet „Experte“ ist. Pulsare sind nicht mehr an Fächern orientiert, sondern an Themen. In der Form, die in der NOS standardmäßig umgesetzt werden soll, sind Pulsare Blockveranstaltungen über eine oder zwei Wochen, die entweder ganztägig oder in einem Halbtagsformat angeboten werden sollen. Das lässt sich natürlich vor Einführung der NOS nur begrenzt umsetzen. Hier will ich also den Versuch machen, ein „Pulsar“ so zu konzipieren, dass es auch in das normale Stundenplanschema mit drei Wochenstunden auf einer „Kursschiene“ nebst womöglich einer Exkursion passt.

Wird fortgesetzt.

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