Ein guter Ort – Entdeckungen am Oder-Neiße-Radweg

Es wäre bestimmt langweilig, an dieser Stelle 183 Urlaubsdias zu präsentieren. Aber ein Schlaglicht von der diesjährigen Radtour  an der Oder will ich hier zeigen: Groß Neuendorf.

Wenn man auf dem Oderdeich nach Groß Neuendorf kommt, fallen zuerst die Hafenanlagen auf, die inzwischen zu Beherbergungseinrichtungen umgebaut sind.

Hafenanlagen (c) global fish_cc-by-sa-3.0

Hafenanlagen
(c) global fish_cc-by-sa-3.0

Im Maschinenhaus, dem Verladeturm und in ehemaligen Bahnwagons werden Unterkünfte angeboten  (Klick für die jeweiligen Links).

Wikipedia schreibt über die Verladeanlagen: „Die erste Kaimauer in Groß Neuendorf entstand 1909. Zwei Jahre später gab es die zweite Kaimauer und noch zwei Jahre später den ersten Verladekran. 1928 folgte der zweite Verladekran. Der erste Verladeturm wurde 1940 errichtet. Der zweite Verladeturm wurde 1953 im Auftrag des VEAB Groß Neuendorf durch das „Entwurfsbüro für Hoch- und Industriebau Chemnitz des Ministeriums für Aufbau“ als „Turm für pneumatische Schiffs- und Waggon-Be- und Entladung“ gebaut. Der Umschlag erfolgte bis 1971 auf Waggons der Oderbruchbahn, danach auf LKW. 1973 wurde der Bahnbetrieb eingestellt. Ein dritter Verladekran wurde 1982 fertig. Ab 2003 erfolgten Umbauten für die touristische Nutzung der Anlage (Link zum Wikipedia-Artikel).

Wir haben im „Maschinenhaus” übernachtet, das wirklich schöne Zimmer bietet.

Blick aus dem Fenster bei Abendsonne

Blick aus dem Fenster bei Abendsonne

Wenn man sich im Ort ein wenig umtut, findet man etwas über die Geschichte des Ortes heraus – Ergänzungen über das Internet. Unter Preußenkönig Friedrich II. wurde ab 1735 das Oderbruch durch Eindeichung und Begradigung des Flusses trockengelegt (insbes. zwischen 1747 und 1762).

Zur Besiedlungspolitik Friedrichs gehörte, dass er neben der Landvergabe an ortsansässige oder aus der angrenzenden Neumark stammende  Knechte, Tagelöhner, Handwerker und jüngere Söhne der Bauern und Hausleute gezielt Siedler außerhalb Preußens mit Vergünstigungen anwarb. Sie kamen aus Hessen-Darmstadt, Mecklenburg, Pfalz-Zweibrücken, Sachsen und Württemberg, aber auch aus Niederösterreich und aus dem Schweizer Kanton Neuenburg. Unter ihnen waren auch einige jüdische Kaufleute. Insgesamt wurde das Oderbruch die Korn- und Gemüsekammer besonders für das aufstrebende Berlin. In dieser Zeit erlebte der Ort seine größte Entfaltung. Nachdem um die Jahrhundertwende die Bedeutung des Ortes etwas zurückgegangen war, erlebte Groß Neuendorf ab 1912 einen erneuten Aufschwung durch den Anschluss an die Oderbruchbahn, wobei der Ort wiederum für den Umschlag der landwirtschaftlichen Produkte des Oderbruchs sorgte. Die DDR führte die Entwicklung weiter durch den Bau der Hafen- und Umladeanlagen, die mit der „Wende“ 1989 ihre Funktion verloren.

Wir sind der jüdischen Geschichte ein wenig nachgegangen. Zunächst findet sich im Ort an einem recht schlichten Bauernhaus eine Hinweistafel auf die ehemalige Synagoge.

Hinweistafel auf die Synagoge

Hinweistafel auf die Synagoge

Man sieht von der Straße aus nicht viel, weil das Synagogengebäude hinten an das Wohnhaus angebaut ist, und so stammt das Foto, das ich zeigen kann, aus Wikipedia.
Die ehemalige Synagoge wird heute als Wohnhaus genutzt.

Der Synagogenanbau heute (c) Sebastian Wallroth, wikimedia commons

Der Synagogenanbau heute
(c) Sebastian Wallroth, wikimedia commons

(Link zum Wikipedia-Artikel über Groß Neuendorf, in dem eine recht ausführliche Darstellung der Geschichte der Synagogengemeinde enthalten ist)

Der jüdische Getreidegroßhändler Michael Sperling erwarb im Jahr 1832 in Groß Neuendorf ein Sommerhaus und eröffnete bald darauf eine Filiale seines Geschäfts im Ort.  Für seine Geschäfte warb er Arbeitskräfte jüdischen Glaubens an und baute für sie ein Wohnhaus, an dessen Rückseite er 1865 den Synagogenanbau errichten ließ. Im selben Jahr verstarb Sperlings Ehefrau Betty, er selbst verstarb ein Jahr später, 1866.

Er ist auf dem jüdischen Friedhof in Groß Neuendorf begraben, der bis heute erhalten ist.

DSCN7740bk

Auf dem Grabstein für Michael Sperling wird berichtet, dass er nicht nur „Stifter des hiesigen Synagogenverbandes“, sondern auch „Gründer dieses Friedhofes“ war.  Mehr zu diesem Friedhof findet man im Netz unter www.alemannia-judaica.de (Link).

Eingang zum Friedhof

Eingang zum Friedhof

Blick auf den Friedhof

Blick auf den Friedhof

Der Friedhof wird auch in Wolfgang Weißleders Buch „Der gute Ort – jüdische Friedhöfe im Land Brandenburg“ (Hrsg. : Verein zur Förderung antimilitaristischer Traditionen in der Stadt Potsdam e.V., Potsdam 2002, ISBN 3-9806603-0-3) erwähnt. Demnach geht der gute Zustand des Friedhofs auf eine „Initiative jungen Christen und äthiopischer Asylbewerber sowie ein ABM-Projekt … 1992 und 1993/94 … „ (a.a.O., S. 65) zurück. Weiter: „Der homogene Gesamteindruck wird durch eine solide Gedenktafel mit Geschichtsdaten verstärkt, die von Gesamtschülern aus Letschin im Rahmen einer Projektarbeit zusammengetragen wurden. Diese Spurensuche »Juden im Oderbruch« ist mit Hilfe der Internationalen Jugendbegegnungsstätte Schloß Trebnitz weitergeführt worden. Auf ihrer Grundlage haben Ausstellungen der Ergebnisse, Theatergruppenarbeit und Schüleraustausch mit Israel sowie künstlerische Adaptionen des Objektes, zum Beispiel in Aquarellzeichnungen ortsansässiger Malerinnen, immer neu für öffentliche Aufmerksamkeit gesorgt“ (ebd.)

DSCN7733bk

Info-Tafel am Friedhof

In Wolfgang Weißleders Buch über die brandenburgischen jüdischen Friedhöfe findet sich im Vorwort eine Erklärung für den Titel des Buches („Der gute Ort“): „In der hebräischen oder jiddischen Sprache finden sich unterschiedliche begriffliche Umschreibungen für den jüdischen Friedhof, wie beispielsweise »Haus der Ewigkeit«, »Haus der Gräber«, »Haus des Lebens« oder »Guter Ort«“ (a.a.O., S. 8). Es scheint, dass zum einen die Erinnerung, die dieser Friedhof anregt,  auf eine Zeit verweist, in der Menschen dort unterschiedlicher Herkunft, Religion und Kultur ganz gut mit einander auskamen, und zum anderen ein „guter Ort“ als solcher erhalten werden kann und in die Gegenwart weiter wirkt, wenn Menschen sich dafür einsetzen.

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